Störökologie

Rolf Strojec: Offener Brief zur Zensur störökologischer Wissenschaft

Ich habe mir in den vergangenen Monaten und nach langen Gesprächen in der strittigen Frage der „Modernisierung“ des BMU-Projektes Natursportinfo 1.0 (Erforschung der Auswirkungen von Sport auf Tiere,Pflanzen und deren Lebensräume) einen Überblick verschaffen können.Die Ersetzung dieser fundierten Sammlung durch "Natursportinfo 2.0" ist wissenschaftlich und naturschutzfachlich mehr als problematisch. Als  fachlicher Begleiter dieses Projekts (bei dem hohe Bundestagsförderungen und öffentliche Anschlußleistungen verausgabt wurden) möchte ich das BfN und BMU sowie die Öffentlichkeit auf einige grundlegende Sachverhalte hinweisen, die insgesamt die Verpflichtung des BMU betreffen in allen seinen Projekten bestimmte Umwelt-Qualitätsstandards zu gewährleisten.

Bezüglich des neuen "Natursportinfo 2.0" muss ich feststellen, daß

- lediglich allgemeine Texte zu Natur und Sport übernommen wurden, gleichzeitig aber sein konkret-wissenschaftlicher Markenkern und damit die Arbeit von fast 20 Jahren eliminiert wurden.

- im Natursportinfo 2.0 stattdessen eine völlig neue Literaturdatenbank eingeführt wurde, die wissenschaftlich unhaltbar ist und deren Zusammenstellung die Abkehr von den bis dato gültigen Kriterien zur Auswahl und Fortschreibung fachlicher, umweltwissenschaftlicher Arbeiten darstellt.

- das Projekt ohne Not von einem staatlichen Träger des Naturschutzes (BfN) zur Pflege und Fortführung in die Hände von 25 Sportorganisationen überführt wurde.

Zu 1: Eliminierung des wissenschaftlichen Markenkerns

Den Kern von Natursportinfo1.0 bildete eine einzigartige Literatursammlung über Auswirkungen von Sportaktivitäten auf Tiere, Pflanzen und deren Lebensräume. Von über 2.000 überprüften störökologischen Literaturstellen wurden fast 300 aussagekräftige, empirische Arbeiten in fachlichen „key-abstracts“ zusammengefasst und für Suchfunktionen nach Lebensraum oder Sportart bereitgestellt. 

Ich habe mir die Mühe gemacht die alten und neuen Datenbanken von Natursportinfo in beiden Fassungen herauszufiltern und zu vergleichen. Ergebnis:

- über 99% von über 2000 Literaturstellen und keine der ca. 300 Kernarbeiten des Auftragnehmers FÖA  sind in die neue Datenbank übernommen worden. Die wissenschaftliche Störökologie wurde insgesamt wegzensiert, ist im Internet nicht mehr auffindbar und wird wissenschaftlich nicht fortgeschrieben. Eine Berücksichtigung naturschutzfachlicher Belange beim Relaunch kann ich in diesem Vorgehen nicht entdecken. Wir können gern dazu unsere Datenbanken vergleichen.

Zu 2: Etablierung einer neuen „Sportdatenbank“

Ein Blick in die Literaturdatenbank von Natursportinfo 2.0  zeigt mir, daß diese Belange auch bei der neuangelegten „wissenschaftlichen“ Literatur nicht geprüft und berücksichtigt wurden. Keiner der 705 Titel der neuen Datenbank (siehe Anlage 1/ Mai 2020) hätte je die Qualitätskontrolle und das Redaktionsstatut von Natursportinfo 1 überstanden. Diese neue „Sportdatenbank“ unter Ausschluß jeglicher störökologischer Literatur bildet in Clustern von meist sportfachbezogenen Titeln, Outdoor-Büchern, Faltblättern, Hinweisen eine rein subjektive Sicht von 25 Sportverbänden auf das Thema ab. Ein massiver Teil  dieser  sog. „wissenschaftlichen Literatur“ bewegt sich auf rein sporttechnischem  Niveau: Erhöhung des „Handicaps beim Golf“, „Segeln lernen“  etc. und ist wissenschaftlich unbrauchbar bis peinlich. Eine funktionierende Fachaufsicht des BMU hätte  frühzeitig diese Mißachtung von Naturschutz- Qualitätsstandards bei Natursportinfo 2.0 offen legen können.

Nachdem diese Kritik durch Wissenschaftler an die Umwelt-Behörden gelangt ist, findet seit Oktober ein interessanter "Relaunch" der Kölner Datenbank der Sportverbände statt, um Wissenschaftlichkeit zu suggerieren. Die größten Peinlichkeiten werden entfernt, durch besser klingende,einseitige Arbeiten ersetzt ohne den Markenkern und die " wissenschaftlichen Zusammenfassungen"  des alten Natursportinfo-Systems der Öffentlichkeit preiszugeben.

Zu 3: Trägerwechsel : vom staatlichen Naturschutz zum organisierten (Lobby-)Sport

Bisher war der Träger von Natursportinfo 1.0 ein staatlicher Träger des Naturschutzes mit umweltwissenschaftlichem Redaktionsstatut. Umso mehr interessiert mich, aus welchen Beweggründen das gesamte Projekt in die Hände von 25 landschaftsbezogenen Sportverbänden gelegt wurde, die sich im „Kuratorium Sport und Natur“ unter Geschäftsführung des Deutschen Alpenvereins (DAV) organisiert haben.Reinhold Messmer fand aus eigener Erfahrung einmal die historische wie aktuelle Übersetzung dieses Kürzels: "Deutscher Ausschließungs-Verein". Dieser Zusammenschluß versteht sich seit seiner Gründung als Lobby-Organisation des Sports und repräsentiert genauso wenig die Mehrheit der Natursportler/innen, wie die im DOSB organisierten Verbände. Was den Rückhalt in der Bevölkerung dieser Lobby-Gruppen betrifft, sei an das Scheitern der vom Deutschen Alpenverein massiv gestützten und von der Sporthochschule Köln konzeptionell begleiteten Olympia-Bewerbung Münchens erinnert. Hier sei die Frage erlaubt, warum und wodurch beeinflusst überhaupt ein Trägerwechsel vorgenommen werden musste. Überhaupt nicht nachvollziehbar ist die Übertragung des Projekts vom staatlichen Naturschutz an den organisierten Lobby-Sport.

Übrigens: Nebeneffekt dieser „Übernahme“ durch die sog. "Natursportverbände" (also des landschaftsbezogenen Sports ohne den Motorsport) ist die Tatsache, daß die gesamte Bearbeitung und Kritik  des wasser-,land-und luftgebundenen Motorsports im Internet eliminiert (!) wurde.

Zusammenfassend kann ich mir eine dauerhafte Beibehaltung des Projekts Natursportinfo 2.0 unter dem Dach von BMU und BfN nicht vorstellen. Es sei denn, es kommt zu strukturellen Veränderungen. Eine Beibehaltung der jetzigen Strukturen (garniert mit einigen Umweltvertretern) wäre keine strukturelle Veränderung. Grundlegende Veränderungen beträfen vor allem die

- Wiederherstellung und Fortschreibung der gesamten störökologischen Literaturbasis

- Wiederherstellung der Suchfunktionen nach störökologischen Quellen

- Garantie umweltwissenschaftlicher Standards in der Literaturzitation

- Übertragung an einen glaubwürdigen Träger aus dem Umwelt-oder Wissenschaftsbereich

Um der Öffentlichkeit die massive Zensur darzustellen wäre ein Vergleich mit der alten Datenbank nützlich. Diese ist durch die Trickserei von Sport und Umweltbehörden im Internet nicht mehr auffindbar. Deshalb stelle ich für alle fachlich Interessierten folgendenmir zugänglichen Link (mit immerhin 1250 von 2000 verschwundenen Arbeiten) zur Verfügung:

https://web.archive.org/web/20101205212956/http://www.bfn.de/natursport/info/SportinfoPHP/litauswahlliste_e.php?lang=de